Laatzen

Dramen, Tragödien, Tragik, Tragikomödien: 20 Geschichten über verblühte Liebe

Serie: Jurist und Autor Fritz Willig über Scheidungen und mehr - heute: „Der Regierungsdirektor und das Marmeladenglas"

[LAATZEN]

Etwa jede vierte Ehe in der Bundesrepublik scheitert. Hinter dieser nüchternen Zahl, auch Scheidungsquote genannt, verbergen sich Dramen, Tragödien, Tragik, Tragikomödien. Die Liebe, auch die verblühte, ist ein einfallsreicher Regisseur auf der menschlichen Bühne. Als dasBuch geschrieben wurde, galt im Ehe- und Familienrecht noch das Verschuldensprinzip. Ein Anwalt hat in dem im Jahr 1976 veröffentlichten Buch von Fritz Willig „Miteinander – Auseinander“ 20 authentische Scheidungsfälle kompetent, unterhaltsam, kurzweilig und launig beschrieben, die beispielhaft sind für das Thema Scheidung. Der LeineBlitz wird diese 22 Scheidungsfälle in einer Serie jeden zweiten Sonntag veröffentlichen. Fritz Willig, 1941 geboren und in Laatzen aufgewachsen, hat sich als Rechtsanwalt in aufsehenerregenden Wirtschafts- sowie Mordprozessen sowie in zahlreichen Familien- und Scheidungsangelegenheiten einen guten Namen über die Stadtgrenzen hinaus erworben. Überdies wurden bisher 13 Bücher von ihm veröffentlicht. Heute geht es um „Der Regierungsdirektor und das Marmeladenglas“.

Gedankengut aus der Vergangenheit in die Gegenwart, implantiert und analysiert, entschleunigt in der Zukunft die Bevormundung der Menschen durch die Künstliche Intelligenz.                          Fritz Willig

Ein Marmeladenglas, das aus dem Küchenschrank fiel, war der ungewöhnliche Auslöser für eine Ehescheidung. Der Mann, der mir diesen scheinbar läppischen Vorfall berichtete und auf rasche Trennung von seiner Frau drängte, war Beamter in gehobener Position: Regierungsdirektor in einer Bundesbehörde. Seit 28 Jahren sei er verheiratet, und seit 28 Jahren trage er einen offensichtlichen Defekt seiner Frau mit mühsamer Beherrschung. Jetzt könne ja nicht mehr, den Rest seines Lebens wolle er seine Nerven schonen. Darum Scheidung, egal wie.

Dieses ungestüm des Regierungsdirektors hängt mit unzähligen Marmeladengläsern, Honiggläsern, Senfgläsern, sowie einen anderen Gefäßen zusammen, die im Laufe einer 28jährigen Ehe dem Regierungsdirektor immer wieder entgegen fielen. Malk aus dem Kühlschrank, mal aus dem Küchenschrank, mal schlicht von der Tischkante. Was diesen Mann in seinem Leben alles auf Hose, Jacke, Oberhemd gefallen ist, lässt sich gar nicht beschreiben. „Es ist Wahnsinn, glauben Sie mir“, unterstrich der große, schlanke Mensch in deutlicher Erregung.

Seine Frau, berichtete er, habe vom Anfang ihrer Ehe an geradezu eine Virtuosität im falschen Plazieren von Gläsern entwickelt. Erst habe er nachsichtig gelächelt, dann den Kopf geschüttelt, später geschimpft, geflucht, auf den Tisch gehauen, und schließlich geschwiegen. Und alles ertragen, stürzende, rutschende, kippende Gläser.

„Stellen Sie sich vor, ihre Frau rückt Gläser im Kühlschrank oder sonst wo immer gerade auf die Kante“, beschwor mich der Regierungsdirektor. Eine fürchterliche Vorstellung, doch hat nicht jeder Mensch, ob Ehemann oder Ehefrau, irgendeinen Defekt, eine krankhafte Besonderheit! Eine Ehe kann nur heilen, wenn der eine die Schwäche des Partners trägt und erträgt. Psychopathen sind wir alle. Diejenigen, die sich absolut intakt und gesund vorkommen, habe ich häufig in meiner Praxis erlebt, es waren die Kränkesten.

Ich habe dem Regierungsdirektor, denn die fallenden Gläser seiner Frau entnervt hatten, von den seltsamsten Entscheidungsgründen erzählt. Wegen ständigen Singens alter Marschlieder im Treppenhaus nach ordentlichem Kneipenbesuch. Wegen Sammelns von Eidechsen und Schnecken, die in der Stube herum kochen. Wegen krankhafter Reinemachenwut, die auch den geheiligten Männerbezirk, seinen Schreibtisch, nicht schonte. Die Palette der Scheidungsgründe ist genauso bunt wie das Leben selbst, und und komisch und immer allzu menschlich.

Der Regierungsdirektor ließ sich nicht umstimmen, und damit wurde deutlich, daß in dieser Ehe mehr gekippt war als nur Marmeaadengläser. Die Gläser waren das äußere Symptom für ein inneres Auseinanderleben. Aber es mag der Tag kommen, an dem sich ein einsamer alter Herr danach sehnt, daß im wieder mal ein Marmeladenglas entgegenfällt.

PS: der Regierungsdirektor wurde schuldig geschieden. Er hatte mit dem letzten gefallene Marmeladenglas nach seiner Frau geworfen, und getroffen.

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