Sarstedt
Freitag, 16.06.23 - 13:58 Uhr

Heike Brennecke: "Den mutigen Männern wollen wir gedenken"

Gedenkstele und Namenstafel erinnern an 16. Juni 1945

Gedenkstele sowie die Namenstafel am August-Knoke-Platz sollen die Geschehnisse vom 16. Juni 1945 in Erinnerung rufen.R. Kroll

Heute Vormittag haben etwa 40 Personen an den 16. Juni 1945 erinnert und am August-Knoke-Platz vor dem Sarstedter Bahnhof der Enthüllung der Gedenkstele sowie der Namenstafel der Opfer beigewohnt. Punktgenau um 9.20 Uhr läuteten die Glocken der Sarstedter Kirchen.

SARSTEDT. 

"Eben um diese Uhrzeit, am 16. Juni 1945, erlebte dieser Bahnhofsplatz, seine Umgebung bis weit nach Giebelstieg eine ganz andere Szenerie", sagte unter anderem Heike Brennecke, die Bürgermeisterin der Stadt Sarstedt. "Viele Menschen sind an diesem Tag und in den Tagen danach gestorben. Dieser 16. Juni 1945 ist ein Tag, der mit seinem schrecklichen Unglück in die Geschichte unserer Stadt eingegangen ist. Hieran wollen wir heute erinnern und der mutigen Männer dieses Tages gedenken und an die Toten erinnern. Und wir wollen erinnern und gedenken an ein Ereignis sechs Wochen zuvor, am 7. April 1945, und auch hier wollen wir einen mutigen Mann ehren, an ihn denken und ihm danken."

 

Was war am 16. Juni 1945 geschehen? An diesem Tag um 9.20 Uhr explodierte beim Einfahren in den Sarstedter Bahnhof auf Gleis 2 der Munitionswaggon einer Tenderlok. Die Dampflok fuhr an diesem Vormittag aus dem Bahnhof in Hildesheim in ihr Unglück hinein. Die Lok hatte einen mit Munition beladenen Güterwaggon angekoppelt und einen Gepäckwagen. Eine Gruppe von 26 Fahrgästen fuhr arglos im Gepäckwagen nach Hannover mit. Ebenfalls völlig arglos gegenüber den Geschehnissen, die sich wenig später ereignen sollten, rollten Lokführer Karl Bornemann und Heizer Hermann Schwerdtfeger gegen neun Uhr auf ihrer Lok und Waggon in Rückwärtsfahrt von Nordstemmen nach Sarstedt, um hier eine Kolonne Arbeiter abzusetzen. Die Zeiger der Bahnhofsuhr rückten auf 9.15 Uhr, als Bornemann und Schwerdtfeger diese Aufgabe erledigt hatten. Ehe sie die Rückfahrt antreten konnten, schickte sie der Fahrdienstleiter auf Warteposition kurz vor dem Bahnhofsstellwerk. Es würde erst noch ein außerplanmäßiger Zug aus Hildesheim durchkommen. Die Dampflok mit ihren beiden Waggons, dem Munitionswagen und dem Gepäckwagen mit den 26 Menschen an Bord. Gegen 9.20 Uhr ratterte dieser Zug am Bahnübergang in Giebelstieg vorbei. In diesem Augenblick brach die Hölle los. Die Druckwelle einer ungeheuren Explosion presst den Schrankenwärter Alfred Rösener nach vorne über die Kurbelanlage und raubt ihm den Atem. Was er sieht, ist grauenhaft. Die tonnenschwere Dampflok ist aus den Schienen gehoben und liegt schräg auf dem Hauptgleis 2. Von den Menschen im Zug hat keiner überlebt. Die Leichen liegen stark verstümmelt zwischen den Trümmern des Zuges und des verbogenen und aufgerissenen Bahnkörpers. Was er nicht sehen kann, ist, dass riesige Trümmerteile weit geflogen sind, dass durch die Detonation Häuser beschädigt wurden und dass Menschen in Giebelstieg verletzt und getötet wurden. Doch das Unglück hätte noch ein weit größeres Ausmaß angenommen, hätte unzählige weitere Todesopfer fordern können und unsere Stadt wäre in weiten Teilen vermutlich dem Erdboden gleichgemacht worden.

 

"Wären nicht drei mutige Eisenbahner gewesen: Karl Bornemann, Hermann Schwerdtfeger und August Knoke", sagte Heike Brennecke. "Denn mitten in dem Inferno standen seit Tagen 99 mit Munition und Treibstoff beladene Waggons unbewacht zwischen dem Bahnübergang Giebelstieg bis Höhe der Vosswerke. Die Munition sollte nach Helgoland verbracht und vernichtet werden, sie waren hier abgestellt - mitten in dem Inferno."

 

Inmitten des Infernos durch den explodierten Waggons der aus Hildesheim kommt, umgeben von pfeifenden Granatsplittern und den Toten zwischen den verbogen und aufgerissenen Gleiskörpern, behalten Lokführer Karl Bornemann, der Eisenbahner August Knoke und Heizer Hermann Schwerdtfeger die Übersicht. Karl Bornemann und Hermann Schwerdtfeger erkennen schnell die Situation und führen ihre Lok über eine Weiche auf das Kaligleis direkt vor den abgestellten Munitionszug und wollen die gefährliche Fracht aus der Stadt ziehen. Inzwischen jedoch frisst sich das Feuer von Waggon zu Waggon weiter. Die Wagen mit den hochexplosiven Seeminen und Torpedos sind zum Glück noch unbeschädigt. Unter größter Lebensgefahr rennt August Knoke an der langen Reihe der Munitionswaggons entlang. Es gelingt ihm 16 Waggons abzukuppeln. Unterwegs wird Knoke vom Luftdruck einer weiteren Explosion selbst mehrere Meter durch die Luft geschleudert und bleibt für Sekunden benommen liegen. Dann rennt er zurück und springt in den Führerstand. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung und konnte so aus dem Gefahrenbereich herausfahren bis zu einem unbenutzten Gleis bei der Rethener Zuckerfabrik. Wenig später fährt die Lok abermals in den Gefahrenbereich um 19 vom Feuer bedrohte Treibstoff-Kesselwagen herauszuholen.

 

"Den Herren Bornemann, Knoke und Schwerdtfeger ist es letztlich durch ihren selbstlosen, mutigen, waghalsigen Einsatz zu verdanken, Sarstedt von weiteren großen, unermesslichen Schäden verschont geblieben ist", betonte die Bürgermeisterin.

 

Das ist die Geschichte des 16. Juni 1945. Die schreckliche Bilanz: 33 Tote, viele Verletzte und Schäden in Millionenhöhe an Gebäuden. Und zu der Bilanz dieses 16. Juni 1945 gehört der unglaubliche Mut der drei Eisenbahner, die verhindert haben, dass der Munitionszug in die Luft geflogen ist und die Schäden ins Unermessliche gesteigert hätten. August Knoke ist von der Stadt Sarstedt geehrt worden, in dem dieser Bahnhofplatz 1990 nach ihm benannt wurde, Hermann Schwerdtfeger wurde 1989 zum Ehrenbürger ernannt. Karl Bornemann bereits 1963 verstorben, ist noch nicht geehrt worden.

 

Heike Brennekce erinnerte auch an Josef Aselmeyer: Acht Kisten Sprengstoff mit 560 Kilogramm Inhalt wurden am 5. April 1945 auf Befehl der deutschen Wehrmacht unter die Pfeiler der großen Eisenbahnbrücke über die Innerste bei Sarstedt angebracht und die Brücke zur Sprengung vorbereitet. Sechs Soldaten führten diesen Befehlt aus und bewachten die Brücke. Bei Annährung des Feindes hatten sie die dem Eisenbahnverkehr auf der Strecke Hannover-Kassel dienende Brücke in die Luft zu jagen. Diese Sprengung, die den Vormarsch der Amerikaner doch nicht aufgehalten, den Eisenbahnverkehr aber auf lange Zeit stillgelegt und auch alle benachbarten Häuser gefährdet hätte, wurde von dem Eisenbahnsekretär Josef Aselmeyer verhindert. Er entfernte am 7. April 1945 kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner die Sprengladung und warf die Munitionskisten in die Innerste. "Dem mutigen Josef Aselmeyer, der sein Leben aufs Spiel gesetzt hat, um die Sprengung der Eisenbahnbrücke zu verhindern, den mutigen Männern August Knoke, Hermann Schwerdtfeger und Karl Bornemann, die am 16. Juni 1945 ihr Leben eingesetzt haben, um noch größeren Schaden von unserer Stadt und ihren Menschen abzuwenden, setzen wir hier und heute ein neues Denkmal in Form eines Gedenksteins. Der Toten des 16. Juni gedenken wir durch die Tafel, die neben dem Gedenkstein aufgestellt ist und auf der ihre Namen zu lesen sind", sagte Heike Brennecke.

 

Nach der Bürgermeisterin richten die Pastoren Peter Borcholt (Matthias-Claudius-Gemeinde) und Matthias Fricke (St. Nikolai-Gemeinde) erinnernde und mahnende Worte an die Teilnehmer der Gedenkfeier. Den musikalischen Rahmen dieser Feuerstunde bilden die Schülerinnen des Gymnasiums Sarstedt, Emily Kress, Jolien Eike (Trompete)und Liana Groth (Altsaxophon).

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